Digitale Integrität beginnt im digitalen Posteingang

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Nutzung für nicht-kommerzielle Zwecke.

Seit Jahren habe ich Gmail von Google benutzt. In letzter Zeit hat mir das allerdings zunehmend Bauchschmerzen bereitet. Bis ich wirksame Medizin gefunden habe: das inspirierende Wechselrezept vom DI.DAY: Gmail zu unabhängiger E-Mail.

Nun bin ich stolzer Besitzer eines datensparsamen E-Mail-Postfachs und merke jeden Tag, wie viel entspannter ich plötzlich meinen Mailverkehr betrachte. Keine nervige Werbung mehr, keine heimlichen Datenschnüffler – nur noch Mails, die wirklich mir gehören. Es fühlt sich wie ein kleiner Integritäts-Boost für mein digitales Leben an. Den Weg dorthin möchte ich in diesem Artikel teilen.

Was ist denn überhaupt eine Mail?

Wer an der digitalen Welt teilnimmt, kommt nicht um sie herum: die E-Mail. Sie ist eine der bewährtesten sowie ältesten Technologien zur Nachrichtenübermittlung im Internet. Die erste E-Mail mit dem typischen “@”-Symbol in der Mitte der Adresse wurde bereits 1971 im sogenannten ARPANET – einem Vorläufer des heutigen öffentlichen Internets – verschickt. Dabei ist die Mail, wie wir sie heute kennen, ein Verbundsystem aus einigen über viele Jahre entwickelten digitalen Protokollen und Standards.

Die E-Mail im Laufe der Zeit

So entstand in den frühen 1980er Jahren das Simple Mail Transfer Protocol (kurz: SMTP) zum Server-seitigen Versenden von E-Mails und ein paar Jahre später das Post Office Protocol (kurz: POP; heute POP3) für den Client-seitigen Abruf des E-Mail-Postfachs vom Server. Als Alternative zu POP wurde 1986 das Internet Message Access Protocol (kurz: IMAP; heute IMAP4rev1) entwickelt, welches einige relevante Vorteile, jedoch auch Nachteile gegenüber POP hat.

In den 1990ern kamen dann die Multipurpose Internet Mail Extensions (kurz: MIME) dazu und IMAP wurde standardisiert. Im gleichen Jahrzehnt wurde das World Wide Web veröffentlicht und mit den ersten großen kommerziellen E-Mail-Postfach-Anbietern wie Hotmail oder Yahoo wurden E-Mails massentauglich.

Massentauglich, aber zu welchem Preis?

Mit den großen Anbietern von E-Mail-Postfächern war und ist es nun also für Laien möglich, sich mit nur ein paar Klicks ein elektronisches Postfach anzulegen. Die meisten Anbieter haben sogar einen monetär kostenlosen Tarif, der mehrere Gigabyte Postfachgröße erlaubt – ganz schön praktisch!

Bei gewöhnlicher Alltagsnutzung können damit dann völlig ausreichende Mengen an Nachrichten empfangen und versendet werden. Selbst wenn die Kapazität mal nicht reichen sollte: mit wenigen Klicks ist ein monetär günstiges Abonnement abgeschlossen, mit dem sich die Postfachgröße verdoppeln oder verdreifachen lässt.

Wenn nun also viele Menschen auf die monetär kostenlosen Angebote der großen Anbieter zurückgreifen, diese aber Serverinfrastruktur, Systemadministration, usw. für ein reibungsloses Angebots zur Verfügung stellen müssen, stellt sich zwangsläufig folgende Frage: Sind die Betreiber*innen dieser Dienste einfach gütige Gönner, oder wie machen die das?

Naja, es kostet mich als Nutzer*in zwar kein Geld, dafür aber meine Aufmerksamkeit & Daten – und möglicherweise meine Integrität!

Meine Aufmerksamkeit!

Die großen Anbieter von kostenlosen E-Mail Postfächern vereint eines: Werbung. Auch wenn ich mir selber einrede, dass ich ja ach so reflektiert sei und mich nicht von Werbung beeinflussen lassen könne, sprechen die unfassbaren Gewinne von werbefinanzierten Unternehmen für sich. Werbung wirkt. Konsumverhalten ist steuerbar. Und meine Aufmerksamkeit leidet darunter! Einige – aber bei weitem nicht alle – verbreitete Beispiele solcher werbefinanzierter Freemail-Anbieter sind:

  • Google Gmail (@gmail.com)
  • Microsoft Outlook.com (@outlook.com, @hotmail.com, @live.com)
  • Yahoo Mail (@yahoo.com, @yahoo.de)
  • GMX Mail (@gmx.net, @gmx.com)
  • Web.de Mail (@web.de)
  • Mail.de (@mail.de)
  • Freenet Mail (@freenet.de)
  • Telekom T-Online (t-online.de)

Eine wichtige Verteidigungslinie im Kampf um die Aufmerksamkeit sind Adblocker – wie z.B. der FOSS-Adblocker uBlock Origin. Diese können allerdings nichts gegen die von manchen Anbietern versendeten Werbe-E-Mails machen und auch nicht 100%-ige Werbefreiheit gewährleisten. Die Anwendung eines Adblockers – als fundamentaler Grundbaustein für digitale Mündigkeit – ist unabhängig von der Wahl eines E-Mail-Anbieters dringend zu empfehlen!

Meine Daten!

Den Preis meiner Aufmerksamkeit könnte ich mir aber sparen, wenn ich keinen Freemail-Tarif wähle, sondern einen monetär kostenpflichtigen Tarif. Ein solcher ist bei allen der zuvor aufgelisteten Anbieter zu erwerben.

Allerdings sammeln die meisten dieser Unternehmen unnötig viele Daten über ihre Nutzer*innen. In Deutschland schützt uns die DSGVO bzw. GDPR weitesgehend vor unbemerkter und ungewollter Datennutzung. Aber: selbst mit Abmeldung (opt-out) von jeglichen abmeldbaren Datennutzungen halten diese Gesetze solche Unternehmen nicht davon ab, weiterhin technische, sicherheitsrelevante und aggregierte Daten zu erfassen sowie anonymisierte Nutzungsinformationen zu sammeln, die Rückschlüsse auf das Verhalten der Nutzer*innen zulassen.

Die genauen Verwendungsarten lassen sich in den AGB der jeweiligen Anbieter prüfen. Diese sind oft aber weder klar, noch niederschwellig formuliert. Nur ein kurzer Spoiler: Es gibt Alternativen, deren gesamtes Geschäftmodell auf maximaler Transparenz und minimaler Datennutzung beruht. Aber mehr dazu später.

Meine Integrität!

Individuelle sowie gesellschaftliche Werte spielen eine fundamentale Rolle. Wenn ich davon überzeugt bin, dass Werbung keinen Einfluss auf mich hat, dann bin ich wahrscheinlich auch davon überzeugt, dass Schokolade keinen Einfluss auf meine Laune hat – bis ich die erste Tafel öffne. 😏

Letztlich geht es aber nicht nur um Beeinflussung durch Werbung, sondern um die Kontrolle von Aufmerksamkeit und Informationen (Daten und Datenfluss) ganz allgemein. Diese Kontrolle liegt hauptsächlich bei zentralen digitalen Plattformen, meist aus den USA (höre dazu auch den informativen Deutschlandfunk Nova Podcast “Wie Big Tech Demokratie und Öffentlichkeit kaputtmacht” vom Medienwissenschaftler Andree).

Doch zurück zu den E-Mail-Postfächern – die konzeptionell dezentral sind und somit eigentlich Wahlfreiheit und Wettbewerb bestärken. Meine Konsumentscheidungen hängen hier – wie überall – nicht nur vom monetären Preis oder der Bequemlichkeit ab, sondern auch davon, ob Unternehmen transparent, verantwortungsvoll und sozial- sowie umweltverträglich handeln. Geo-politische und wirtschaftliche Abwägungen spielen gleichermaßen eine immer größere Rolle.

Durch eine aktive und informierte Entscheidung kann ich einen kleinen – aber durchaus relevanten – Teil dazu beitragen, etwas Marktmacht von “Big Tech” zu nehmen. Ich kann für eine friedliche, demokratische, umweltfreundliche und soziale Zukunft einstehen – und damit auch für die deutschen bzw. europäischen Werte! Und ich kann die Wirtschaftskraft Europas oder Deutschlands stärken.

E-Mail-Anbieter Nutzung in Deutschland

Wie der Bericht über die Nutzung von Online-Kommunikationsdiensten 2023 der Bundesnetzagentur zeigt, gehören Gmail, Web.de, GMX und T-Online zu den meistgenutzten E-Mail-Providern in Deutschland. Die Mehrheit der deutschen E-Mail-Nutzer*innen lässt dadurch zu, dass große digitale Unternehmen ihre persönlichen Daten nutzen, ihnen Werbung anzeigen und Werbe-E-Mails zustellen.

Screenshot von “Abbildung 32: Genutzte E-Mail-Dienste” aus dem Bericht über die Nutzung von Online-Kommunikationsdiensten 2023 der Bundesnetzagentur.

Das mag erstmal ernüchternd klingen, aber was sind denn die Alternativen?

Selber Hosten?

Während die meisten gängigen Messenger – wie beispielsweise WhatsApp – ihre Nachrichten über zentrale Server der Unternehmen verschicken, kann durch die dezentrale Natur der E-Mail theoretisch jede*r einen eignen E-Mail-Server bereitstellen.

Auch, wenn dieses Selber-Hosten eine Option ist (und immerhin 4% der Deutschen E-Mail-Nutzer*innen diese auch nutzen!), bleibt das bis heute vergleichsweise aufwendig. Das Aufsetzen und Verwalten eines Mailservers erfordert gewisses technisches Know-How – oder wenigstens die Bereitschaft, sich längerfristig in das Thema reinzufuchsen – und die Fähigkeit, mit Niederlagen (die dazugehören werden…) umzugehen.

Außerdem heißt selbst ein perfekt eingerichteter eigener Server – z.B. zu Hause oder bei einem Server-Anbieter – noch nicht, dass Mails automatisch bei Gmail, Outlook & Co. ankommen. Die großen E-Mail-Dienste misstrauen kleinen Servern erst mal: strenge Spam-Filter, fehlende IP-Reputation oder fehlende technische Authentifizierungen (wie SPF, DKIM und DMARC) sorgen schnell dafür, dass Mails im Spam landen oder abgewiesen werden. Auch liegt es in der Verantwortung der Selbst-Hostenden, sich um Datensicherungen zu kümmern.

Also keine massentaugliche Alternative. Doch was dann?

Unabhängiges E-Mail-Postfach!

Eine echte Alternative bieten datensparsame sowie -schutzfreundliche Anbieter aus Europa, die auch mit grüner Energie oder Open-Source Software punkten können. Sogar deren Geschäftsmodelle beruhen auf diesen ethischen Prinzipien.

Der Wechsel von beispielsweise Gmail zu einem dieser alternativen Dienste ist auch gar nicht schwer! Die unter anderen vom Digitalcourage e.V. initiierte Bewegung des DI.DAY hat dazu auch schon ein passendes Wechselrezept veröffentlicht – wie eingangs bereits erwähnt.

Dort ist eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitung zu finden, um von Gmail zu einem der folgenden europäischen Anbieter zu wechseln (funktioniert i.d.R. genauso für den Wechsel von anderen Anbietern als Gmail):

Ich habe mich nach einem sorgfältigen Vergleich entsprechend meiner Bedürfnisse für ein Postfach bei mailbox.org entschieden. Ich zahle nun zwar ein paar Euro im Monat, kann aber wieder guten Gewissens schlafen und mit mehr Integrität für digitale Mündigkeit und eine tech-positive Zukunft einstehen.